So kam es, dass der Leipziger Opernplatz bereits einige Minuten vor Beginn der Veranstaltung übersät war mit Vampiren, Hexen, Zombies, Mumien und allerlei weiteren Gestalten die aussahen, als hätte man sie aus einem schlechten Horrorfilm geklaut. Und unter ihnen ein Nosferatu. Erst wenige Minuten zuvor hatte ihn ein schwarzer Van hier abgesetzt und ist danach irgendwo hinter der nächsten Ecke verschwunden.
In seiner üblichen gebückten Haltung schlich er langsam zwischen den Anwesenden umher und verschwand in beinahe allen Fällen unterhalb der Schulterhöhe. Er trug eine schwarze Robe, die seinen kompletten Körper in ausfällige Stoffwogen hüllte und sein Gesicht tief im Schatten ihrer Kapuze vergrub. Nur wenn er den Kopf anhob, konnte man vielleicht einen Blick auf sein Antlitz erhaschen:
Schneeweiße Haut, überzogen von schwarzen Schlieren und blutigen Flecken. Makeup - oder Corpse Paint, wie man unter Schwarzmetallern sagen würde. Wer würde schon vermuten, dass sich unter dem Schleier der Farbe tatsächlich eine Leiche befindet? Unterhalb der oberflächlich aufgetragenen Schminke konnte man noch ganz leicht das unebene Hautbild erkennen: Narben, Schuppen oder eine Neurodermitis. Das ließ sich schwer mit Sicherheit sagen. Doch sonst wirkte das Gesicht nicht weniger menschlich, als das der anderen geschminkten und kostümierten Gäste des Abends.


Während alle auf den nahenden Beginn der Veranstaltung warteten, beobachtete der Verborgene das Schauspiel von der Ecke der Treppe zum Opernhaus aus. Kaum ein Blick streifte ihn, nur flüchtig schielte das ein oder andere Augenpaar in seine Richtung. Er spielte hier keine Rolle - während seine Gedanken sich dagegen darum drehten, welche Rolle die Anwesenden wohl gedachten zu spielen. Man sehe sie sich nur an... wie sie sich alle in ihren schlechten Darstellungen von Ungeheuren präsentierten, darauf bedacht von möglichst vielen Augen gesehen und beachtet zu werden. Ekelhaft dekadent und aufgesetzt obendrein.
